Vampir-Doku "Dracula
lebt!"
Schnaps reinschütten, Herz rausreißen
Gibt's echte Vampirkiller? War der
"Dracula"-Autor schwul? In bester Bildungsauftragsmanier
nähert sich das ZDF dem Blutsauger-Thema. Die Dokumentation
"Dracula lebt!" beeindruckt mit einer Vielzahl von
Hintergründen zum Mythos - und ist daher leider zu kurz
geraten.
Besonders wenn der Vollmond
leichenblass
am Himmel steht und der Wind klagend um die Ecken heult, träumt
ganz Mainz von einer solchen Quote: Als der erste Teil der "Twilight"-Saga,
"Bis(s) zum Morgengrauen", vor rund zwei Wochen als
Free-TV-Premiere auf ProSieben lief, schauten 4,51 Millionen
Menschen zu.
Der Privatsender hatte den Kinohit
um den schmachtenden Untoten Edward und seine meist schlechtgelaunte
Freundin Bella in ein crossmediales Vampirspecial gebettet,
hatte dem Thema eine eigene "Galileo"-Sendung gewidmet
und wochenlang großflächig plakatiert. Und so haben
nun auch andere Sender endlich Blut geleckt: Das ZDF kapriziert
sich in alter Bildungsauftragsmanier weniger auf den Romeo-und-Julia-Aspekt
des neuerlichen Vampirkults, sondern auf die wahren Geschichten
rund um den Mythos und seine literarische Verarbeitung.
In der Dokumentation "Dracula
lebt! Das Vermächtnis des Grafen" von Marvin Entholt
kommen neben einem Historiker, einem Kriminalbiologen, einer
Volkskundlerin, einem Bram-Stoker-Nachkommen,
der
Bram-Stoker-Biografin und einer Psychologin auch eine rumänische
Leichenwäscherin und sogar ein echter rumänischer
Vampirkiller zu Wort, der stolz von der Exhumierung eines Leichnams
berichtet.
Schwäche für Untote und
sonstige Nicht-Menschen
Der habe sich damals, das war im
Jahr 2004, zuerst mal einen kleinen Raki gegönnt, um dem
angeblich Untoten dann das Herz herauszureißen - und zwar
in bester Absicht. Schließlich habe der Unhold ein Mädchen
des Dorfs einfach nicht in Ruhe gelassen. Die junge Dame jedenfalls
war nach der Aktion sehr zufrieden und übernahm die Geldstrafe,
die dem Leichenfledderer für seine Tat aufgebrummt wurde.
Formal ist Filmemacher Entholt ganz
einem konventionellen, dick auftragenden Dokumentarstil verpflichtet,
der in strengem Rhythmus O-Töne zwischen nachgestellte
Weichzeichner-Szenen und Filmausschnitte setzt, und mit donnernder
Musik vermeintlich aufregende Stellen untermalt. Doch inhaltlich
weiß sein Film zu beeindrucken. Mit Mark Benecke hat er
nicht nur einen der interessantesten Kriminalbiologen, sondern
auch einen Experten für Vampirismus dazugeholt. Leider
kann Beneckes Spezialthema "echte" Vampire - also
jene psychologischen Ausnahmefälle, die teilweise wirklich
glauben, sie brauchten täglich ein paar Tässchen Menschenblut
- nicht mehr angesprochen werden.
Zum Sexualtrieb, der in den historischen
Filmen und Büchern durch lustvolles Bluttrinken ersetzt
und in "Twilight" gleich ganz unterdrückt wird,
äußert sich Beneckes Ehefrau, die Psychologin und
Vampir-Expertin Lydia Benecke, mit den üblichen Hinweisen
auf die keusche Grundstruktur der "Twilight"-Romane
der Mormonin Stephenie Meyer.
Entholt hangelt sich zudem mit träumerischen
Spielszenen und vielen verregneten Theaterbildern an der Biografie
Bram Stokers entlang: Der schwierigen Genese eines mysteriös
erkrankten kleinen Jungen, der, urplötzlich gesundet, erst
eine recht trockene Karriere als Justizbeamter anstrebt, bevor
er als Theaterintendant und Autor in London einem dem viktorianischen
Zeitalter entgegengesetzten Lebensstil frönt und unter
anderem von "Macbeth" inspiriert wird.
Stokers angebliche Homosexualität,
über die bisher vor allem in Großbritannien diskutiert
wird, halten sowohl Stokers Großneffe als auch seine Biografin
für denkbar. Er schwärmte für den damals bekanntesten
Shakespeare-Darsteller, der allerdings ablehnte, für Stoker
in einer Theateraufführung den Dracula zu spielen. Über
den gequälten, vielleicht versteckt schwulen Autor, der
den Erfolg von "Dracula" nicht mehr erlebte, hätte
man gern mehr gehört: Angeblich, so behauptete eine englische
Literaturwissenschaftlerin vor Jahren, hat Stoker mit der Arbeit
an "Dracula" angefangen, als und weil sein Freund
und Rivale Oscar Wilde verurteilt worden war - wegen "Sodomie",
wie damals Homosexualität umschrieben wurde.
Die aktuelle Schwäche für
Untote und sonstige Nicht-Menschen glüht dagegen vor allem
in den Herzen verknallter Teenager und hat mehr mit Taylor Lautners
Oberkörper und Robert Pattinsons karamellfarbenen Augen
zu tun, als mit dem Wissen über das psychologische und
historische Geflecht hinter der Vampirfigur. Dabei kann Entholts
thematisch umfassende - und genau darum mit 45 Minuten viel
zu kurze - Dokumentation einiges an Aufklärung leisten.
Doch wenn die Konkurrenzsender weiterhin mit Spielfilmen und
den entsprechenden Serien à la " Vampire Diaries"
(ProSieben) und " True Blood" (RTL II) davonziehen,
muss das ZDF eh aufpassen, nicht allzu blutleer auszusehen.