WIRTSCHAFT / Bissiger Rechtsstreit:
Warum der Borbecker Spirituosen-Hersteller ALCOMIX mit Prinz
Dracula über Kreuz liegt.
Wolfgang Kintscher
Wilhelm Busch brachte
es einst auf den Punkt: "Es ist ein Brauch seit alters
her, wer Sorgen hat, hat auch Likör."
Schon wahr.
Dass diese Erkenntnis auch andersherum ihre Gültigkeit
hat, dass also, wer Likör hat, von reichlich Sorgen nicht
verschont bleibt, davon weiß Fritz L. Brüggemann
so manches Verslein vorzutragen. Denn im Kampf um Ideen und
Marktanteile auf dem Spirituosen-Markt, beim Einsatz um die
Gunst einer verwöhnten Verbraucherschar sieht sich der
41-jährige Prokurist des Borbecker Familienbetriebs Alcomix
zu einem verbissenen Kampf bis auf den letzten Blutstropfen
gezwungen.
Dracula-Blut, genau gesagt.
Aber das ist doch ... genau Fritz L. Brüggemann, Prokurist
im Traditionsbetrieb Alcomix, in seiner Werbemontur.
(NRZ-Foto: Remo B. Tietz)
Hinten im Hals beißt der Pfeffer
Nun gut, eigentlich
handelt es sich um einen roten Kirsch-Johannisbeer-Likör
mit Ingwer-Zusatz und 24 Volumen-Prozenten Alkohol, dessen wohlige
Süsse sich zunächst auf der Zungenspitze breit macht,
bevor es einen hinten im Hals - den scharfen Pfeffer- und Paprika-Beigaben
sei Dank - ordentlich beißt.
Seit 1985 beschert das schmackhafte Blutvergießen dem
Borbecker Schnapsbrenner erkleckliche Umsätze, die sich
im Jahr laut Brüggemann um 200 000 Flaschen à 0,7
Liter herum bewegen. "Ein stabiles Produkt", man sich
bei Alcomix an der Bocholder Straße, wo Anfang der 70er
Jahre "Der Saure Fritz" die Ära der Party- und
Erlebnis-Spirituosen einläutete - ohne dass es diesen Begriff
damals schon gegeben hätte.
Kaum eine Ingredienz, die seither nicht für "Kurze"
herhalten musste: von Quitten bis zu Pampelmusen, vom Lakritz
bis zu Milch oder Hanf. Das schmeckte nicht jedem: Mal gab es
Ärger mit Wirten, weil die auf den kleinen Fläschchen
verklebte Knallerbse ("Ballermann") Schmauchspuren
auf den Kneipentischen hinterließ,mal machte
TV-Witzbold Stefan Raab Ernst und klagte Tantiemen für
den "Maschendrahtzaun" ein. Der Lebens-Zyklus solcher
Spirituosen bleibt ohnehin überschaubar: Der "Trabi
Sprit", eine Bitter-Lemon-Variante, war schon kurz nach
der Wende aufgebraucht, dafür kippten die Erlöse beim
"Elchtest" erst nach über einem halben Jahr.
Neue Schlagzeilen-Spirituosen?
Fehlanzeige: Die "Superstars" sind markenrechtlich
geschützt und andere Medien-Hypes derzeit nicht in Sicht.
Umso wichtiger , dass man ein schier unsterbliches Produkt wie
"Dracula" im Programm hat. Fritz L. Brüggemann
hat sich vor einigen Monaten eigens die Haare schulterlang wachsen
und zwei Eckzähne zum Aufstecken anfertigen lassen. Derart
ausstaffiert bietet er bei der Wein-Messe in Düsseldorf,
bei Treffen der düste gewandeten Gothic-Szene in Leipzig
oder anderen Gelegenheiten werbewirksam das eigene "Dracula"-Original
in Reagenz-Gläsern feil. Doch
die Brüggemanns hätten es wissen müssen: wo "Dracula"
draufsteht, sind die Blutsauger nicht weit. Zumal der Mann,
der da vor einigen Jahren in Borbeck anklopfte und die Likör-Erlöse
anzapfen wollte, niemand geringeres war als Ottomar Rodolphe
Vlad Dracula Prinz Kretzulesco - der vermeintlich letzte Nachfahr
jenes 1477 verstorbenen Vlad Dracula Tepesz, der das Blut seiner
Feinde getrunken haben soll und Gefangene phählen ließ.
Des Prinzen Problem: Geboren wurde der Gute als Ottomar Berbig
in Berlin, der sich dem Vernehmen nach mals als Konditor, mal
als Antiquitätenhändler verdingte und erst 1996 mit
seiner Adoption durch die rumänische Prinzessin Dracula
Caradja Kretzulesco das Recht an der Marke "Dracula"
erhielt. Doch was den alten Blutsauger angeht, kennen die Brüggemanns
keine Verwandten. Immerhin hält die Borbecker Spirituosen-Firma
schon 14 Jahre länger die Lizenz der deutschen Marke "Dracula",
was Hochprozentiges angeht. Vor
der 4. Kammer für Handelssachen am Münchner Landgericht
I und auch in der Berufungsinstanz obsiegte Alcomix, weil die
Richter bei allem Mühen keinerlei "Zuordnungsverwirrung"
erkennen mochten: Unstreitig beruhe die Bekanntheit des Namens
Dracula nicht auf der Person des Prinzen, sondern auf der historischen
Romanfigur von Bram Stokers "Dracula".
Obwohl als Sieger aus dem Rechtsstreit mit Prinz Dracula hervorgegangen,
blieb Alcomix auf den Prozesskosten zunächst sitzen. Und
reagierte umso saurer, als der adoptierte Transsylvanier jüngst
per Internet "Dracula"-Likör vertrieb, eine rote
Spirituose mit Ingwer-Zusatz.... Diesmal waren es die Borbecker,
die auf ihr Markenrecht pochten und bis zum 6. Januar eine Reaktion
auf ihre Abmahnung erwarten.
Sonst geht´s dem Prinzen an den Kragen - wie der Warner
Brothers Movie GmbH & Co. KG, die ein freundliches Alcomix-Angebot
verschmähte und im Kirchhellener Filmpark zu Halloween
Glühwein als - genau: "Dracula-Blut" verkaufte.
Dafür muss man sich am 14. Januar vor dem zuständigen
Bochumer Landgericht rechtfertigen. Brüggemann jedenfalls
will die Zähne zeigen.